Mutter und Unternehmerin – wie geht das?
Oliver Gessl

Oliver Gessl

Expertentalk mit Bettina Bertschinger – Mutter von drei Kindern und Firmeninhaberin im Bereich Schwangerschaftsmode

Am Mittwoch 06. Juli 2022 fand unser Expertentalk mit Bettina Bertschinger statt. Bettina ist 1974 in Zürich geboren und ist seit Juli 2021 Inhaberin der Firma 9months fashion&more. Sie ist gelernte Buchhändlerin und Betriebswirtschafterin, hat lange im Bildungsbereich gearbeitet und danach zwei Firmen mitgegründet und geführt. Bettina hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Baden.



Statistisch wagen die meisten Frauen den Sprung in die Selbstständigkeit nach der Geburt des ersten Kindes. Wie war das bei Dir und was waren Deine Treiber?

Ich hatte vor meiner Selbstständigkeit viele Jahre im Berufsleben verbracht. Für mich war es einfach irgendwann wichtiger selbstbestimmt in einer Firma zu arbeiten. Nicht jeder spürt diesen Drang zur Selbstständigkeit, manche tun es dann trotzdem aufgrund einer neuen Situation oder Lebenslage. Beispielsweise hat die Corona Phase vielen Menschen Zeit zum reflektieren gegeben und war ein Treiber aus dem eingeschränkten Alltag auszubrechen und etwas zu wagen. Die Firmengründungen sind sprunghaft angestiegen.

Traditionell gesehen bleibt die Mutter bei den Kindern zu Hause, kümmert sich um die Erziehung und schmeisst das Heim. Hier hat sich viel verändert. In der Schweiz haben wir in Familienkonstellationen oftmals den Luxus, dass Frauen selbstbestimmt entscheiden können wie sie sich in der Kinderzeit weiter entwickeln möchten, sei es unternehmerisch oder zurück in den Job.

Diese Wahl bleibt in vielen Ländern aussen vor, wie bspw. in den USA, wo ein Einkommen in den meisten Städten nicht ausreichend ist und Frauen ziemlich rasch zurück in den Job gehen müssen.

Wie kam Deine Entscheidung Mutter und Unternehmerin zu sein? Was waren Deine Überzeugungen dafür?

Grundsätzlich vertrete ich schon immer die Einstellung, zu tun was mir Spass macht. Denn nur so kann ich die Freude mit anderen Menschen teilen. Man mag das als einen gewissen Egoismus auslegen aber persönlich ist es mir wichtig etwas zu tun was Freude bereitet.


«Als unsere Kinder klein waren übernahm mein Mann viele Nachtschichten, weil er sagte auf der Arbeit spüre er den Schlafmangel weniger als ich im unternehmerischen Leben»


Weshalb sprichst Du von Egoismus? Eine Mutter zu haben die happy ist, sollte man nicht als Egoismus bezeichnen bzw. wenn, dann als gesunden Egoismus, sprich sich selbst und deine Wirkung auf andere wichtig zu nehmen.

Unternehmerisch aktiv zu werden war bei mir nie eine Entscheidung. Vieles war rein dem Zufall geschuldet. Projekte kamen bzw. wurden mir angeboten und ich hatte die Voraussetzungen diese wahrnehmen zu können. Schlussendlich überwog meine Lust etwas zu tun was mir Freude bereitet und hier stellte sich ein selbstbestimmter Alltag als grosser Bestandteil heraus.

Andererseits braucht es bei Kindern auch den ausgleichenden Pol, sprich in meinem Fall einen Mann der das alles unterstützt. Mein Mann hat viele Verpflichtungen hinsichtlich der Kinder wahr genommen und mir oft den Rücken frei gehalten. Sonst wäre das nicht möglich gewesen.

Wird es für eine alleinerziehende Mutter sehr schwierig bis unmöglich unternehmerisch tätig zu werden?

Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen und empfand dies früher als eine sehr schwierige Situation für Sie. Meine Situation heute ist grundlegend anders. Ich hätte es mir persönlich nicht vorstellen können, als alleinerziehende Mutter eine Firma zu führen.

Als unsere Kinder klein waren übernahm mein Mann viele Nachtschichten, weil er sagte auf der Arbeit spüre er den Schlafmangel weniger als ich im unternehmerischen Leben.

Alleine mit einem Kleinkind zu Hause zu sein ist bereits eine grosse Herausforderung.

Was waren die grössten Herausforderungen an Dich als Unternehmerin?

Ich bin mit meinem Geschäft «9 months» im Detailhandel tätig. Wir vertreiben schicke und teils nachhaltige Mode im Bereich Schwangerschaft, Rückbildung und für Kinder. Detailhandel ist grundsätzlich keine einfache Branche. Nachdem Boom des online Handels der letzten Jahre erweist sich die Branche als noch herausfordernder. In der Schweiz hat es kaum lokale Anbieter, sprich wir importieren die meisten Produkte und müssen daher hohe Preise rechtfertigen. Dies schaffen wir nur durch qualitativ hochwertige und meist nachhaltige Kleidung.

Was waren Deine persönlichen Herausforderungen?

Abgesehen von meinem Bedürfnis meine eigener Chef zu sein und meine Planungsfreiheit zu haben, stelle ich mich wenig in den Vordergrund. Ich nehme mich nicht so wichtig, was vieles entspannter macht. Andererseits verfolge ich dadurch auch zu wenig konkrete Ziele in meinem unternehmerischen Handeln. Hierbei geht es mir primär um den vielfältigen und selbstbestimmten «Job», um das grundsätzliche Wohl der Firma und darum täglich Lösungen für die Vielzahl an Problemen zu finden.

In diesem Sinne bin ich auch keine klassische Unternehmerin die auf finanziellen Erfolg abzielt. Erfolg ist für mich ein selbstbestimmtes Leben und mit einer guten Portion Optimismus Lösungen zu finden. So habe ich auch noch nie einen Business Plan geschrieben und bin auch nicht so der Papiermensch.  


«Erfolg bedeutet für mich einen gesunden Bezug zum Scheitern zu entwickeln und sich seiner persönliche Ressourcen bewusst zu werden und der Fähigkeit diese zu mobilisieren»


War die Herausforderung des Mutterseins grösser als die der Unternehmerin?

Das erste Mal Mutter zu werden war ein enormer Schock für mich. Ein schlagartiger Wandel, den Job per sofort aufzugeben, kaum Privatleben zu haben etc.

Dies zu meistern bedarf einer sehr guten Organisation. Dennoch hatte ich keine Scheu davor mir Hilfe zu holen und hatte daher auch nie das Gefühl, das Kind braucht v.a. mich als Mutter. Mein Umgang mit meinen Kindern war immer sehr entspannt. Von meinem Mann lernte ich bereits früh auch loszulassen um einerseits meine Freiheit nicht zu verlieren und andererseits dem Kind aus dem daraus entstehenden positivem Lebensgefühl teilhaben zu lassen.

Männer können das besser als Frauen. Schlussendlich haben sich meine Kinder sehr pflegeleicht entwickelt. Sie hatten auch keine Wahl (smile!). 

Wie definierst Du unternehmerischen Erfolg für Dich?

In erster Linie damit etwas zu machen mit dem ich glücklich bin und mit dem ich zufrieden sein kann. Das monetäre steht hierbei im Hintergrund auch wenn ich grosse finanzielle Einschnitte für meine Aktivitäten in Kauf nehmen muss und nur noch einen Bruchteil dessen verdiene was ich in meinem früheren Job verdiente.

Erfolg bedeutet für mich auch Herausforderungen anzunehmen, etwas zu wagen, aus der Komfortzone herauszugehen. Manche Dinge klappen oder sie gehen eben schief; das muss so sein. Aus Fehlern lernt man und kann so neue Lösungen finden. Erfolg bedeutet für mich einen gesunden Bezug zum Scheitern zu entwickeln und sich seiner persönliche Ressourcen bewusst zu werden und der Fähigkeit diese zu mobilisieren. Es kann immer sein, dass etwas nicht klappt und ich versuche es trotzdem. Die Kraft und Energie die hieraus entsteht ist ein grosser Antrieb.

Was bewegt dich am morgen aufzustehen?

Ich bin überhaupt kein Morgenmensch. Dennoch stehe stehe ich sehr gerne auf .. für meinen ersten Kaffe (smile). Es braucht jeden Tag einen Einstieg. Erst in dem man die Dinge anpackt entsteht das Gefühl des Zufriendenseins bzw. steigt die Motivation mehr zu tun.

Die Wissenschaft zeigt, dass reines «positive thinking» nur bedingt hilft. Was Menschen antreibt ist das Machen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

In der Regel plane ich meine Woche nach Aufgaben denen ich einen Grossteil des Tages widme. So habe ich meinen social media Tag, einen Tag für Buchhaltung und Administration, zwei Tage in den Geschäften etc. Natürlich alles in Abstimmung mit den Kindern. Hier bringt das unternehmerische Schaffen auch viel Flexibilität und Planungsfreiheit mit sich.

Wieviel % schätzt Du Deine Arbeitszeit ein?

Gedanklich bin ich sehr oft bei der Arbeit, um nicht zu sagen fast immer. Da die Arbeit für mich zugleich auch Hobby und Freiheit bedeutet, war das für mich nie ein Problem. Weitere zeitintensive Hobbies habe ich jedoch keine.. (smile!)

Wie und wo regenerierst du Dich und findest die Kraft für weiteren Antrieb?

Früher war das mal beim Motorad fahren. Die Arbeit stellt für mich jedoch keinen Aufwand dar. Vielmehr finde ich im Angehen der Herausforderungen viel Kraft und Entspannung.

Zudem sind es oft die kleinen Dinge im Leben die mich das Schöne und Leichte geniessen lassen. Bspw. wenn meine Kinder in die Schule gehen und mir jeden morgen bei der Verabschiedung zu winken. Ich halte das für mich innerlich fest und schöpfe gerade aus diesen kleinen Momenten viel Kraft und Antrieb für das was kommt.

Andererseits ist es vielleicht auch eine gesunde Abgrenzung zu gewissen Dingen im Leben, die mich auf dem optimistischen Kurs halten.

Hast Du je ein Rollenbild gehabt?

Zu meinem Umfeld zähle ich gute Freundinnen bei denen ich die ein oder andere als Vorbild bezeichnen kann. Für mich bedeutet das, sie haben etwas inspirierendes von dem ich mir teils Dinge abschauen kann. Grundsätzlich ist es mir wichtig meine Zeit mit Menschen zu verbringen die inspirieren und mit denen ich mich positiv austauschen kann. In einem herausfordernden Umfeld und Tätigkeit zu arbeiten, hat mich gelehrt mich gegen negatives abzugrenzen und es nicht als Verpflichtung anzusehen für jeden da sein zu müssen, was nicht bedeutet auch ein offenes Ohr für eine Freundin zu haben.

Wie kann man das Thema Selbstständigkeit angehen?

Es gibt viele Kleinstunternehmen mit dem man einfach mal starten und sich ausprobieren kann. Ich beobachte viel Unternehmertum was aus einem Hobby entsteht.

Persönlich hatte ich auch nicht eine zündende Idee. Wie gesagt, waren es bei mir eher unternehmerische Zufälle, die jedoch auf meine Freude und Lust auf Selbstbestimmung und Freiheit getroffen sind.

Statistisch zeigt sich, dass Handel, Bloggerin und Texterin gute Bereiche sind, in denen sich eine Selbstständigkeit von «zu Hause» starten lässt. Um voran zu kommen ist es jedoch hilfreich sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Den Weg muss man hingegen selbst gehen.

Was sind die Abwegungen die man treffen sollte bevor man sich für eine unternehmerische Tätigkeit entscheidet?

In den meisten Fällen bedeutet dass, das man auch mittelfristig wesentlich weniger Einkommen erzielen wird als in der früheren Angestelltentätigkeit, dafür aber wesentlich mehr Freude und Selbsterfüllung findet. Dies stellt natürlich eine grosse Hürde für alleinerziehnde Mütter. Dennoch stellt sich auch hier schlussendlich die Frage, welchen Mehrwert ich durch ein erfülltes und glückliches Sein meinen Kind zukommen lassen kann, wenngleich ich/wir hierbei weniger Einkommen zur Verfügung haben werden.

Was könnte die Schweiz besser machen um Unternehmerinnen zu fördern?

Eindeutig, das Angebot an Tageschulen ausbauen. Das ausgebaute Krippenangebot, auch wenn es seinen Preis hat, bringt enorme Erleichterung mit sich. Die grosse Frage stellt sich in der Schweiz mit Beginn der Schulzeit. In der Schweiz bräuchte es wesentlich mehr Tageschulen um insbesondere alleinerziehende Frauen bei unternehmerischen und anderen Aufgaben zu unterstützen. Der Kanton Argau scheint mir hier eine Vorreiterrolle übernommen zu haben, indem man vor gut 20 Jahren bereits die erste Tagesschule einführte. Leider benötigt man immer noch Glück im Losverfahren um einen der wenigen Schulplätze zu ergattern.

Vielen Dank, Bettina!

Den Expertentalk führten wir mit Bettina Bertschinger, dreifacher Mutter und Unternehmerin.

Website: 9 months fashion & more


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